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Round Table Weiterbildung: Zwischen Krisen- und Aufbruchsstimmung

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Die Pandemie löst in der Weiterbildungsbranche die nächste Digitalisierungsstufe aus. Wird die Zukunft des Lernens rein virtuell? Namhafte Weiterbildungsträger zeigen den Status Quo und Perspektiven für das betriebliche Lernen auf.

In den Seminarräumen der Weiterbildungsträger ging während des Lockdowns das Licht aus. Lehrgänge und Face-to-face-Trainings wurden ausgesetzt. Kein Problem, mögen sich manche denken, schließlich gibt es E-Learning-Formate. Ganz so einfach ist es nicht.

Auch wenn Blended Learning und E-Learning viele Bildungsdiskussionen beherrschen, so ist doch die Verbreitung und Nutzung von digitalen Medien in der Weiterbildung überraschend niedrig. Im Jahr 2018 haben nur 29 Prozent der Erwachsenen mindestens einmal an einer Maßnahme teilgenommen, in der auch digitale Elemente eingebunden waren. Auch im Segment des betrieblichen Lernens sind bisher nur 37 Prozent der Teilnehmer mit nicht-analogen Weiterbildungsmethoden in Berührung gekommen sind. Diese Zahlen machen deutlich: Die Umsetzung sämtlicher Inhalte – sofern es sinnvoll ist – in passende digitale Formate haben viele der Weiterbildungsanbieter noch vor sich.

Der Schub ins Virtuelle

Während im Lockdown Sendepause herrschte, haben die Bildungsträger im Hintergrund didaktisch und technisch an der Umstellung ihrer Formate gearbeitet. Schon vor der Corona-Krise arbeiteten viele Weiterbildungsanbieter mit Online- und Blended-Learning-Formaten, doch überwiegend wurde in Präsenzseminaren gelernt. So nutzten sie im Frühjahr 2020 die Zeit, ihre Hard- und Software aufzurüsten, um laufende Lehrgänge und Seminare weiterführe zu können. Inzwischen finden sich 40 bis 70 Prozent der Lerninhalte auch in Live-Chats, Podcasts und Video-Formaten wieder. Einige der Anbieter sind mittlerweile in der Lage, den Unterricht nahezu komplett online anzubieten.

Infrastruktur, Tools und Content

Dass der Lockdown die Digitalisierung der Weiterbildung enorm beschleunigt, haben vor allem diejenigen gespürt, die Standard-Content produzieren. Aber auch bei den Infrastruktur- und Tool-Anbietern bewegte sich im Jahr 2020 einiges. Um das Arbeiten und Lernen im Homeoffice zu unterstützen, haben sie zum Beispiel die Schnittstellen für das Live-Conferencing-Modul der Lernplattform erweitert. Auch erkennen immer mehr Unternehmen, dass es auf jeden Fall von Vorteil ist, die Lernaktivitäten von einer Learning Experience Platform aus zu starten, die ihnen die Möglichkeit gibt, alle Formate einzubinden. So hat eine Befragung unter 3000 Beschäftigten aus sieben Ländern offengelegt, dass derzeit Videos das beliebteste Lernmedium sind. Doch letztlich kommt es auch den Lerntyp an, ob er über Texte, Bilder, Videos, Lernspiele, interaktive Formate und Face-to-Face-Tools die meisten Lernerfolge erzielt.  

Pandemie: Startrampe für ausschließlich virtuelles Lernen?

Die Pandemie-Lage hat gezeigt, dass digital – ob live, demand, über Spiele oder Videos – sehr viele Lerninhalte transportiert werden können. Für viele Arbeitgeber liegt deshalb der Gedanke nah, dass virtuelles Lernen ein zentraler Kostensenkungshebel ist: Die Ausgaben für Dienstreisen reduzieren sich und die Mitarbeitenden fehlen nicht mehr so lange am Arbeitsplatz. Führt die Corona-Krise zum Aus für das Präsenztraining? Nicht zwangsläufig, meinen die Diskussionsteilnehmer und differenzieren zwischen Zielgruppen, Lernstoffen und zeigen Grenzen der virtuellen Weiterbildung auf.

Zum einen fehlen noch didaktische Konzepte. Ein achtstündiges Online-Format trägt wohl kaum zum Lernerfolg bei, da es die Beteiligten erschöpft und die Ablenkungsgefahr groß ist. Auch benötigen Seminare, in denen die Persönlichkeitsentwicklung gefördert wird, die physische Präsenz der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, um erlebnisbasiert lernen zu können. Unverkennbar ist ebenso, dass es weiterhin Bereiche geben wird, in denen zumindest eine phasenweise Präsenz unentbehrlich ist: Insbesondere einige gewerblich-technische Aus- und Weiterbildungen sind ohne Praxisübungen nicht denkbar.

Ohne Frage eignen sich bei Fachinhalten viele der virtuellen Formate. Aber gleichzeitig besteht ein Bedürfnis nach persönlichem Austausch, der nur in Präsenzveranstaltungen möglich ist – und nicht nur um gemeinsam Lernergebnisse zu überprüfen. Das Netzwerken von Mensch zu Mensch kommt in der virtuellen Welt für viele Beschäftigte zu kurz, sodass die Präsenzweiterbildung auch in Zukunft ihren festen Platz haben wird. Keinesfalls, so die Diskussionsteilnehmer, wolle man das „Digitalisierungsrad“ zurückdrehen. Das virtuelle Lernen sei eine qualitativ gute und zielführende Alternative, die auch nach der Corona-Krise immer stärker nachgefragt werde. Allerdings müsse man die Ziele der Weiterbildung genau definieren und die Inhalte auf Online-Tauglichkeit überprüfen.

  • "Am Ende entscheidet der Kunde, ob er im virtuellen Modus lernen will oder im Präsenzseminar. Die letzten Monate reichen noch nicht aus, um seine Präferenzen - insbesondere für die Nach-Corona-Zeit - sicher deuten zu können" - Dr. Jörg Philippen, Geschäftsführer, Steuer-Fachschule Dr. Endriss GmbH & Co. KG

Wie viel darf die virtuelle Weiterbildung kosten?

Der konjunkturelle Einbruch führt bei vielen Unternehmen zu Sparmaßnahmen, sodass auch die Weiterbildungsbudgets gekürzt werden könnten. Zu der größeren Preissensibilität kommt der Irrglaube, dass digitale Lernformate um ein Vielfaches günstiger sein müssten. Aber das Gegenteil ist der Fall: Virtuelle Lernformate sind in der Produktion deutlich teurer und – je nach Weiterbildungsinhalt – stehen auch permanente Aktualisierungen an. Ebenso dürfte ein  Virtual Classroom, bei dem Trainer in Echtzeit mit den Teilnehmenden arbeitet, eher teurer werden.

Zu bedenken ist auch, dass bei digitalen Live-Formaten im Gegensatz zu Präsenzseminaren von der ersten bis zur letzten Minute ein Betreuer im Hintergrund aktiv sein müsse, um sowohl den Lernenden,  als auch den Referenten technischen Support geben zu können,

Sicher ist: Der Markt ist gerade verwöhnt, da viele Trainerinnen und Trainer in der Krise kostenlos Webinare anboten, die von Unternehmen und Mitarbeitenden gerne angenommen wurden. Sie werden sich wieder umstellen müssen, auch weil virtuelle Angebote deutlich kleinteiliger und niedrigschwelliger produziert werden müssen, was seinen Preis kostet.

Weiterbildungsbedarf steigt kontinuierlich  

Wird die Corona-Krise die Weiterbildungsneigung von Arbeitgebern dämpfen? Obwohl in der produzierenden Industrie die Digitalisierung der Prozesse voranschreitet und diese Transformation Beschäftigte freisetzt? Weiterbildung muss hier einen Beitrag leisten, damit diese Personen weiterhin dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Generell sind die Weiterbildungsinvestitionen in die eigene Belegschaft noch nicht auf dem Niveau angelangt, auf dem es sein müsste, um die Beschäftigungsfähigkeit der Mitarbeitenden zu sichern.

Zudem wird nach der Corona-Krise der Wettbewerb unter Arbeitgebern um gut qualifizierte Mitarbeitende nicht geringer sein, im Gegenteil. Ein adäquates Instrument von Unternehmen, um sich dabei zu behaupten, liegt in der Weiterbildung der Beschäftigten – um deren Potenzial entsprechend der Bedarfe des Betriebs zu stärken, aber auch, um sie als Mitarbeitende langfristig zu halten.

Quelle: Personalwirtschaft: Weiterbildung 2020

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